Georgien und sein vinozentrisches Weltbild

Wo genau in Vorderasien die Wiege des Weinbaus tatsächlich liegt, ist nach wie vor heiß diskutiert. Mit Traubenkern-Funden, die auf 6000 vor Christus datiert sind, liegt Georgien auf jeden Fall gut im Rennen. Doch ganz abgesehen von exakten Zahlen, wenn es um Wein als Kulturgut und Lebensbestandteil geht, muss man Georgien ganz einfach als Mutterland des vergorenen Rebensaftes bezeichnen. Für mich bedurfte es nur eines 4-tägigen Aufenthalts um das zu erkennen.

Eine Flasche Rotwein wird bei der Einreise am Zoll überreicht
Stempel und Wein am Zoll bei der Einreise nach Georgien

Schon die Einreise nach Georgien, am Flughafen von Tiflis, war einzigartig. Es war bereits weit nach Mitternacht, als ich gleichzeitig mit meinem Einreisestempel eine Halb-Flasche georgischen Rotweins in die Hand gedrückt bekam. „Welcome to the land of 8000 vintages“, so war ich noch nirgendwo begrüßt worden! Trotz meiner Freude schlich sich gleichzeitig auch ein allzu realistischer Gedanke ein: Gibt es seit dem Wein-Embargo durch Russland so viel Überproduktion, dass Wein hier verschenkt wird? Eine Antwort auf diese Frage fand ich in den darauffolgenden Tagen zwar nicht; geschmeckt hat das Geschenk jedenfalls gut! Wenn es ein Land dieser Welt gibt, in dem Wein als Willkommensgeschenk überreicht wird, und zwar aufrichtig und von Herzen gern, dann kann es nur Georgien sein! Dieses fruchtbare Land mit seiner unvergleichlichen Gastfreundschaft und Wertschätzung für Wein.

Einen ersten Eindruck von der Verbundenheit der Georgier mit dem Wein bekam ich beim Besuch des Georgischen Nationalmuseums in Tiflis. Hier sind die ältesten Artefakte der vinophilen Historie Georgiens zu finden. Einige von ihnen wurden erst vor wenigen Jahren gefunden und umfassen neben kunstvollen Trinkgefäßen auch Lagerbehälter und Ziergegenstände, vor allem aber die ältesten erhaltenen Traubenkerne, die auf ein Alter von etwa 8000 Jahren geschätzt werden.

Exponate im Nationalmuseum von Georgien: aus Silber gefertigte Ummantelungen von Weinreben
Silberne Ummantelungen von Weinreben

Auch die Schmiedekunst war in Georgien aufgrund seiner Bodenschätze schon früh hoch entwickelt und bekannt. Exponate von silbernen Rebholz-Ummantelungen belegen, dass die Rebe einen hohen Stellenwert einnahm. Welchen Zweck dieser Rebstock-Schmuck erfüllen sollte ist für die Historiker nach wie vor ein Rätsel. In diesem Zusammenhang erfuhr ich jedoch ein berührendes Detail: Durch die wechselhafte Geschichte des Landes mussten Georgier immer wieder  ihr Land verlassen und fliehen. Was würde ich mitnehmen, müsste ich mein Hab und Gut hinter mich lassen, frage ich mich.  Georgier hatten auf ihrer Flucht stets Weinreben im Gepäck. Diesen essentiellen Bestandteil ihrer Kultur pflanzten sie später in ihrer neuen Heimat aus und trugen somit maßgeblich zur Verbreitung Ihrer Weinmacherkunst im Mittelmeerraum bei.

Die Wertschätzung und Achtung, die dem Wein entgegengebracht wurde und noch immer wird, drückt sich auch in der Wortwahl der Georgier aus. So nennen sie die angegorenen Trauben inkl. ihrer Schalen, Kerne und Stiele, also das was bei uns als Maischehut oder Tresterkuchen bezeichnet wird, Deda. Übersetzt heißt das so viel wie „Mutter“. Eine wunderschöne Metapher für die ursprüngliche Art der Maischevergärung in Ton-Amphoren, den sogenannten Qvevris: die Mutter, die aus dem kindlichen Most einen ausgewachsenen, gereiften Wein macht.

In die selbe Kerbe schlägt ein altes, georgisches Sprichwort: „Betrinke dich nie bis zum Rausch, denn es wäre eine Verschwendung des Weins.“ Georgier sahen wohl auch eine Verdünnung des Weins mit Wasser als Frevel an. So ist belegt, dass im Land unter dem Kaukasus Wein stets unverdünnt getrunken wurde, während in  vielen anderen Weinbauländern stets verdünnter Wein den Durst stillte. Vielleicht weil die Kunst der Weinbereitung in Georgien besser ausgereift war, als in anderen Ländern und einfach besser schmeckte? Wer weiß…

Reich gedeckter Tisch mit georgischen Vorspeisen
Supra, die georgische Tafel

Untrennbar mit dem Wein sind in Georgien das Essen, sowie die Trinksprüche verbunden. Bei einer klassischen, georgischen Tafel, „Supra“ genannt, gibt es eine Art Zeremonienmeister oder „Tamada“, der dafür sorgt, dass das Glas respektvoll für bestimmte Zwecke gehoben wird. Jedes Anstoßen wird von einem tiefsinnigen, mehr oder weniger langen Trinkspruch begleitet, der den Werten dieses Volkes gewidmet ist, zB der Familie, der Liebe, den Freunden, dem Frieden, etc. Je länger der Abend dauert, desto kreativer werden die Sprüche und auch Gäste werden dazu eingeladen sich zu erheben und bedeutungsschwere Worte von sich zu geben. Für mich als Österreicherin, die mit solchen Ritualen wenig anzufangen wusste und Trinksprüche aus dem Russisch-Unterricht in eher schlechter Erinnerung hatte, wirkte diese Zeremonie und ihre strenge Abfolge etwas befremdend. War ich es doch nicht gewohnt in meinen Gesprächen mit den Tischnachbarn durch den Tamada und seine – teils – philosophischen Trinksprüche unterbrochen zu werden. Vielleicht lag es an der sprachlichen Barriere, dass der Funke bei mir nicht übergesprungen war. …oder ist meine Auseinandersetzung mit dem Wein zu eindimensional und noch weit entfernt vom vinozentrischen Weltbild der Georgier?

Eines ist jedoch gewiss: Die Weine, die im Land der 8000 Jahrgänge erzeugt werden, sind bemerkenswert und von großer Qualität. Mehr dazu und über die Besonderheiten der Weinbereitung in Georgien gibt es in Kürze zu lesen.
Bis dahin, Gaumarjos! (= Prost!).
Auf den georgischen Wein und seine wunderbaren Facetten!

 

Ein großes Dankeschön gilt der European Wine Bogger’s Conference (DWCC), sowie der Georgian Wine Association, die diese Reise möglich gemacht haben. Madroba! (= Danke!)

 

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