Bordeaux – verkannte Schönheit?

Bordeaux und ich

Als waschechte West-Steirerin bin ich mit Schilchermischung (Roséwein aus der Blauen Wildbacher-Traube mit prickelndem Mineralwasser gemischt) und hervorragenden Weißweinen aufgewachsen. Später lernte ich auch die Rotweine des Burgenlandes kennen und schätzen. Obwohl ich im Laufe der Jahre auch viele internationale Weine verkostet habe, sind mir jene des prestigeträchtigen Bordeaux lange vorenthalten geblieben.

Hinweisschild zum Weingut Château Ducru-Beaucaillou
Besuch und Verkostung auf Château Ducru-Beaucaillou 2010

Vor vier Jahren beim Masters of Wine SymposiumForging Links“ in Bordeaux hatte ich das erste Mal so richtig Gelegenheit, Weine aus dieser Region zu verkosten. Einige davon sogar direkt am Weingut. Eine Kellerführung und Verkostung bei Ducru-Beaucaillou blieb mir besonders positiv in Erinnerung. Doch rund EUR 90,- für eine einzige Flasche Wein auszugeben? Nein! Zu wenig markant ist für mich der Qualitätsunterschied zu anderen Weinen, die ich um einen Bruchteil dessen erstehen kann. So kam es zu dem Novum, dass ich nach Hause reiste, ohne eine einzige Weinflasche im Gepäck zu haben. Bis dato passierte das kein weiteres Mal.

Enomat, der geöffnete Weine mit Inertgas schützt und sie dadurch länger haltbar macht.
Weinshop Max Bordeaux in dem man auch teure Weine, einfach verkosten kann

 

Union des Grands Crus de Bordeaux

Im Laufe der letzten vier Jahre kam mir diese Besonderheit immer wieder in den Sinn. Kein Wein so gut, dass ich tatsächlich bereit war dessen Preis zu bezahlen? Als sich nun die Gelegenheit bot, einer Verkostung der Union des Grands Crus de Bordeaux (UGCB) in Amsterdam beizuwohnen, fühlte ich mich regelrecht verpflichtet, diese wahrzunehmen. Konnte ich meine Ambivalenz gegenüber Bordeaux-Weinen ablegen? Oder würde sie sich gar verstärken?

Weingärten mit Steinmauern in St. Emilion
Die Weingärten von St. Emilion begrüßen die Besucher bereits am Ortsrand

Voller Neugierde mischte ich mich also unter die knapp 50 Produzenten. Insgesamt gehören der UGCB 133 Châteaux an, sowohl klassifizierte als auch nicht qualifizierte. Eine detaillierte Erklärung zur Klassifizierung der Châteaux innerhalb des Bordeaux können Sie hier nachlesen. Den Mitgliedsbetrieben gemeinsam ist, dass sie

  • aus den anerkanntesten Appellationen des Bordeaux stammen,
  • nach höchster Qualität streben und
  • ihre Weine eigenständig, international vermarkten.

Und das seit mittlerweile 41 Jahren.

 

Verkosten leicht gemacht

Die Verkostung stand im Zeichen des Jahrgangs 2011, sowohl bei Rot- als auch Weißwein. Ich mag es, wenn man sich ganz auf einen Jahrgang konzentrieren kann! Anders jedoch, als bei Weinverkostungen, die man zB aus Österreich kennt, hat hier jedes Weingut nur einen Weiß- oder Rotwein zu präsentieren. Erfrischend einfach! Doch – aus Sicht des Weingutes – mit dem Nachteil, dass der Kunde bei Nichtgefallen seinen Wein gänzlich woanders kauft. Bei der Vielzahl an Weinstilen und Rebsorten, die heimische Winzer im Sortiment haben, ein sehr unwahrscheinliches Verhalten.

 

Bordeaux rot & weiß

Wie haben mir die Weine nun geschmeckt? Grundsätzlich sehr unterschiedlich. Die Stilistik reichte von leichtfüßigen, säurebetonten Weinen (Château Belgrave), über sehr zugängliche und weiche Vertreter (Château Phélan Ségur) bis hin zu dichten, vollmundigen Kreszenzen (Château Smith Haut Lafitte), um hier nur einige zu nennen. Dabei ließ sich für mich nicht unbedingt ein Rückschluss auf die Qualität der jeweiligen Region ziehen. Entscheidender scheint zu sein, wie das jeweilige Château mit den herausfordernden Witterungsbedingungen des Jahrganges 2011 umgegangen ist.

Gekühlte Flasche des Weißweins "Caroline" von Château de Chantegrive im Weinkühler
„Caroline“ der Weißwein von Château de Chantegrive

Auch bei den Weißweinen zeigte sich ein sehr heterogenes Bild. Die Cuvées aus Sauvignon Blanc und Sémillon deckten die komplette Bandbreite von sehr frischen Weinen, bei denen der Holzeinsatz kaum zu spüren war (Château de Chantegrive), über recht gereift und wachsig wirkende Vertreter (Château Carbonnieux) bis hin zu sehr üppigen, von Holz dominierten 2011ern (Château Smith Haut Lafitte) ab.

 

Die Shortlist

Bordeaux Weiß 2011:

Château de Chantegrive, Graves: 50% Sauvignon Blanc, 50 % Sémillon. Saftig, balanciert mit schön eingebundenem Holz. Ein wahres Schnäppchen für EUR 14,-.

Arnaud Thomassin, Besitzer von Château de France, schenkt seine persönlich Weine aus
Arnaud Thomassin, Besitzer von Château de France

Château de France, Pessac-Léogang: 80 % Sauvignon Blanc, 20 % Sémillon. Der Sauvignon Blanc spielt hier sein Rasse aus und wird elegant vom Sémillon gestützt. Holz nicht merkbar, sehr gefällig. Ca. EUR 20,-.

Bordeaux Rot 2011:

Château Haut-Bailly, Pessac-Léogang: 50 % Cabernet Sauvignon, 47 % Merlot, 3 % Cabernet Franc. Vollmundig mit schöner Säure, harmonisch und dicht, mit animierendem Trinkfluß. Geschmack hat seinen Preis, EUR 81,-.
Château Léoville Barton, Saint-Julien: 72 % Cabernet Sauvignon, 20 % Merlot, 8 % Cabernet Franc. Sehr balancierter Wein mit wunderbarer Säurestruktur. Elegante Leichtigkeit mit sehr viel Nachdruck, EUR 64,-.
Château La Tour Figeac, Saint-Emilion Grand Cru: 77 % Merlot, 23 % Cabernet Franc. Sehr fruchtige Merlot-Nase. Am Gaumen eher zurückhaltend, fast mystisch, mit kräftigen Tanninen. Mein Preis-Leistungssieger für EUR 25,-.

Flasche des 2011er Château La Tour Figeac
Château La Tour Figeac 2011 rot

 

Fazit

Das große Plus bei Bordeaux-Weinen ist wohl ihre Langlebigkeit. Wer die Ressourcen hat sich diese Cuvées für Jahre oder gar Jahrzehnte in den Keller zu legen, wird damit bestimmt viel Freude haben. Für mich persönlich hat es sich jedoch bestätigt, dass ich Bordeaux-Weine weiterhin lieber in Verkostungen genießen werde, anstatt darin zu investieren. Mein Trieb, unentdeckte, kleine Winzer mit charaktervollen Weinen aufzutun ist einfach zu stark.

Doch wer weiß? Das nächste Masters of Wine Symposium „Idendity, Innovation, Imagination“ in der Toskana steht vor der Tür. Vielleicht lasse ich mich ja von den Weinen des Chianti überzeugen und komme mit einem vollen Koffer nach Hause…

 

Vielen Dank an Melman Communications für die Organisation dieses Events.

Preise entnommen von www.wine-searcher.com für Österreich bzw. Deutschland.

 

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