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Das Priorat

kleinblättriger schwarzer Schiefer, der Boden im Priorat
Der typische schwarze Schiefer – licorella

Hoch bewertete Rotweine zu ebenso hohen Preisen. Das war meine Vorstellung, ehe ich selbst in diese trockene und hügelige Weinbauregion im Nord-Osten Spaniens reisen durfte. Während meines kurzen Aufenthaltes erfuhr ich jedoch, dass hinter diesen Weinen noch viel mehr steckt.

An erster Stelle steht der karge Boden, aus schwarzem kleinblättrigem Schiefer, „licorella“ genannt. Er ist für das Priorat charakteristisch und ist deutlich sichtbare Trennlinie zum Weinbaugebiet Montsant, welches das Priorat beinahe umschließt. Die Rebstöcke befinden sich zwischen 200 und ca. 750 m Seehöhe und waren ursprünglich in Buscherziehung über die steil abfallenden Hügel verstreut.

 

Wie alles begann

Die Geschichte des Weinbaus in dieser Region geht auf die Kartäuser Mönche zurück, die im 12. Jh hierher kamen. Wein wurde so populär, dass Anfang des 19. Jahrhunderts dafür sogar Wälder Platz machen mussten. Doch die Industrialisierung und die damit verbundene Landflucht, die Reblaus, sowie der spanische Bürgerkrieg setzten der Weinbautradition stark zu.

Im Kloster Scala Dei wurde der Weinbau im Priorat begründet
Kartäuser Kloster Scala Dei

Erst in den 1970er Jahren kam wieder Bewegung in die Weinszene und der Ort Gratallops wurde die Wiege des Priorat, wie wir es heute kennen. 1990 gab es 8 Flaschen füllende Betriebe, während 359 viticultores Trauben produzierten. Mittlerweile ist die Rebfläche auf ca. 1900 ha angewachsen, die von 615 Weinbauer kultiviert und deren Ernte in 97 Weinkellern verarbeitet wird. Doch was motivierte diese Menschen, ins Priorat zu kommen bzw. zurückzukommen? Der durchschnittliche Ertrag von nur rund 2.500 kg pro Hektar kann es wohl nicht gewesen sein.

 

Priorat neu… mit viel Tradition

Mit dem neuen Boom des Weinanbaus im Priorat hielten Terassierung der Steillagen, der sogenannten „costers“ und die Drahtrahmenerziehung Einzug. Doch nach mittlerweile 20 bis 30 Jahren Erfahrung ist eine Trendumkehr zu bemerken. Winzer besinnens sich wieder der traditionellen Buscherziehung, die die Leitsorten Garnaxta negra und Carinyena (Grenache und Carignan) am besten in Szene setzt. Optisch, wie auch im Glas. Lediglich rund 4 % der Rebfläche ist mit Weißwein-Sorten bepflanzt.

Die typische rote Verfärbung der Carignan Reben im Herbst
Carignan Reben auf licorella

Zum Glück blieben einige der ursprünglichen „costers“ erhalten, die mit Rebstöcken von 60 Jahren oder älter bestockt sind. Diese Parzellen in Buscherziehung werden besonders gehegt und gepflegt, wie ich am Weingut Mas Doix erfahren durfte.

Werden anderorts Rebstöcke schon nach 30 oder 40 Jahr ausgerissen um mehr Ertrag bringenden, jüngeren Reben Platz zu machen, schwört Familie Doix auf ihre alten Weinberge. Bei ihnen sind die Weingärten reine Frauensache.

Maite Mora beim Propfen der Reben
Maite Mora haucht alten Rebstöcken neues Leben ein

Mutter Maite Mora und Tochter Sandra Doix sind mit Akrebie dabei, den im Jahr 1902 gepflanzten Carignan Weingarten in Schuss zu halten. Auch wenn die Vitis vinifera Rebe abstirbt, lässt sich die tiefwurzelnde Unterlagsrebe, die sich über Jahrzehnte ihren Weg in tiefe Gesteinsschichten gebahnt hat, noch weiter verwenden. Dafür bedient sich die Familie Doix der Veredlung bzw. Pfropfung mittels der Nadelmethode (im März) oder der sichereren Methode mittels Knospenpropfung im August. Diese beiden Arten der Weingarten-Revitalisierung verlangen sehr viel Fingerfertigkeit und Gespür für das Rebmaterial und durch das ständige Knien auch körpferlich sehr anspruchsvoll. Doch Tiefgang und Eleganz der Weine aus alten Carignan-Reben belohnen für dieses Mühsal.

 

 

Wertschätzung im Weingarten

Arbeiten im Rhythmus des Mondes
Die „Bibel“ des Priorat

Nicht nur die Pflege der alten Rebstöcke ist besonders im Priorat. Auch die Arbeitsweise im Einklang mit der Natur ist auffallend. Nahezu in jedem Weingut findet sich die „Bibel des Priorat“ der Mondkalender von Michel Gros, nachdem viele der namhaftesten Winzer ihre Arbeitsschritte planen. Begrünung in den Weingärten ist trotz des trockenen Klimas für viele Winzer ganz selbstverständlich.

Frances Capafons ist Stolz auf die Biodiversität in seinen Weingärten
Frances Capafons in seinen Weingärten von Mas de Masos

Frances Capafons vom Weingut Capafons-Ossó erläuterte genau, welche Bedeutung die verschiedenen Kräuter in seinem Weinberg haben. Sei es als Anzeiger für Mehltau, für ihre desinfizierende Wirkung oder um Insekten zu fangen – die Wirkungsweisen der einzelnen Kräuter sind faszinierend. Um die nachhaltige Denkweise innerhalb dieses Gebietes wissend, ist es auch nicht verwunderlich, dass sich im Priorat das erste für Still-Wein zertifizierte Demeter-Weingut Spaniens befindet, Mas Blanc Pinord.

 

Priorat
Wenig Ertrag – großartige Weine in der kargen Landschaft des Priorat

In Anbetracht der steilen Lagen, des geringen Hektar-Ertrages, der manuellen Arbeit im Weingarten, der nachhaltigen Bewirtschaftsweise und des hohen Qualitätsstrebens liegt es auf der Hand, dass Weine aus dem Priorat nie billig sein können. Doch ihre Komplexität, Fülle bei gleichzeitiger Eleganz und schmeichelnde Frucht sind verführerisch. Seien Sie vorsichtig!  Wer sich trotzdem preislich nicht so weit hinaus lehnen möchte, ist übrigens mit den Weinen aus dem angrenzenden DO Montsant sehr gut beraten. Die Weingärten reichen hier noch etwas höher als im Priorat, was Monsant somit vor allem für Grenache-Liebhaber unumgänglich macht.

 

Doch egal wie die persönliche Präferenz oder Kaufentscheidung auch aussehen mag – die Qualität, die in den Weinen aus dieser Ecke Spaniens steckt ist überzeugend. Altbewährtes währt doch am längsten.

 

Einige meiner Favoriten:

Priorat:

Vinyes Domènech „Rita 2012“: Grenache Blanc und Macabeo von 70jährigen Reben. Sehr aromatisch, Pfirsich, weiße Frucht, aber auch kräutrig mit Finesse und seidigem Mundgefühl.
Clos Mogador „Nelin 2011“: Weißwein aus 8-9 lokalen Rebsorten mit Hauptanteil Grenache Blanc. Spontan vergoren, 16 Monaten im Holzgärständer und Zementei gereift,
Bodegas Mas Alta „Cicerets 2010“: Cuvée aus Grenache und Carignan. Perfekte Balance aus Frucht und Würze.
Mas Doix „Doix 2010“: 45 % Grenache, 55% Carignan von den ältesten Weingärten. Sehr komplex: Gewürze, ätherisch, frisch und fruchbetont.
– Alvaro Palacios „Gratallops 2011“: 100% organic. 65% Grenache, 35% Carignan. 30-70 jährige Rebstöcke. Im Stahl vergoren, im Holzgärständer gereift. Dunkle, elegante Beerenfrucht. Weich, frisch und sehr zugänglich.

 

Montsant:

Portal al Priorat „Tros Negre 2011“: Alfredo Arribas produziert in beiden DOs. 100 % Grenache-Reben, tw. aus 1890, im Barrique ausgebaut. Umwerfender Duft nach Rosen und Himbeeren.
Ficaria Vins – Cabacés „Pater 2010“: 100% Grenache. Brioche im Duft, elegant und floral am Gaumen mit getrockneten Kräutern im Abgang. Sehr feingliedrig.
Celler de Capcanes „Cabrida 2010“: Sehr erfolgreich mit ihremtrockenen, koscheren Wein, doch diesen 100%igen Grenache bevorzuge ich. Ca. 100 Jahre alte Reben bringen einen weichen Wein mit dezenter Kräuternote und Geschmeidigkeit hervor.

 

Vielen Dank an DWCC 2013 und Rachel Ritchie, die diese Reise möglich gemacht haben.

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