Identität – In 100 Jahren zur Perfektion?

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Paul Pontallier

100 Jahre Erfahrung

Paul Pontallier, Managing Director des berühmten Château Margaux, spricht aus seinen Erlebnissen.

„Erst nach hundert Jahren Erfahrung ist die Perfektion des Vinifizierens möglich,“ so ist er überzeugt.

Was bildet seine Meinung? Bezieht er sich hier nur auf die Historie der berühmtesten Weingüter Frankreichs oder der Welt? Sind die angesprochenen Jahre eine Metapher für die generationsübergreifende Erfahrung, welche den Wein verändern und vielleicht in manchen Jahren zur Perfektion reifen lassen kann?

Perfektion durch Forschung

Viele „Größen“ der Weinwelt stecken unglaubliche Summen in die Forschung. So investiert Château Margaux beispielsweise jährlich 200.000 Euro. Die Forschung des Weinguts hatte, laut Paul Pontallier, auch Einfluss auf die Entscheidung der biologischen Zertifizierung (seit 2008 ist das Château 100% organic certified). Dies ist wohl eine der „Wissenstanks“ von denen sich das heutige Winzertum mit Ergebnissen speisen lassen kann.

Generationen im Weingarten

Die traditionelle Art der Erfahrungssammlung findet sich im Weingarten wieder. Was passiert nun in diesen hundert Jahren? Ist es das simple Streben des Winzers, seine Rebstöcke in allen Details, in allen Situationen – bedingt durch Wetter und Witterung – kennenzulernen?

Das Winzertum ist seit sehr langer Zeit ein weiter getragenes Wissen, wie so viele Handwerksberufe. In den zahlreichen Dialogen, die ich mit Winzern in jedem erdenklichen Alter genossen habe, zählten meist die erlebten Vegetationsjahre zu dem großen Wissensschatz des Weinmachens. Sie schilderten jeder auf seine Art das persönliche Erlebnis eines Weingarten-Jahres. Aus der Erfahrung dieser ERLEBTEN Jahre entstanden Entscheidungen. Einflussreiche Entscheidungen, die ein Winzer in präventivem Zusammenhang trifft. Zum Beispiel wann und wie die Laubarbeit auf Grund der Witterung passieren soll. Ob der Zeitpunkt der Lese noch warten kann.

Die Retro Welle

Vorausschauendes Arbeiten hat wieder an Bedeutung gewonnen, hilft es doch unter anderem auch hier und da Stunden und Geld zu sparen. So manches Mal beschleicht mich das Gefühl, junge Winzer sind auf einer eindeutigen Retro Welle unterwegs. Was Großvater tat, überzeugt in der heutigen Zeit wieder durch die Einfachheit und Logik der damaligen Zeit. Weniger ist mehr.

Weingut Weninger
Weingut Weninger – Horitschon, Mittelburgenland

Fühlen wir uns in der jetzigen Konsumenten-Generation mehr zu handwerklichem Geschick hingezogen? Ist es das Verständnis für den regionalen Ursprung, heiß beworben von Hofer/Aldi & Co. oder der Trend des DoItYourself? Sind wir Kinder der Wirtschaftskrise dabei ein neues, anderes Verhältnis zu Wissen, Innovation und Mehrwert zu schaffen?

Für mich erscheint das Streben der jetzigen Generation in einem sehr überlegten Licht. Die jungen Winzer blicken in alle Richtungen des Möglichen. Ob andere Weinbau Regionen, neue Technik, alte Überlegungen neu interpretiert. Aber warum? Einfach gesagt: Weil sie es können.

Unsere globale Wissenswelt hat sich in einen gigantischen viralen Strom verwandelt. Leicht abzurufen, aber auch leicht den Überblick zu verlieren. Denn diese Welt besteht aus dem, womit wir sie füttern.

Umso wichtiger ist eine weitere Eigenschaft der neuen Winzergeneration dieser Zeit: Bodenständigkeit! Der Drang zur eigenen Identität und damit meist auch zur Herkunft ist wahrlich ERKOSTBAR.

Uniformität oder Individualität

Weingut Polz
Weingut Polz – Spielfeld, Südsteiermark

Weinprofis sprechen von weltweiter Uniformierung des Geschmacks. Für mich ist dies nur parziell spürbar. Beides bewegt sich : Uniformität und Individualität. Das Erste zeichnet sich vor allem im Marktkampf der Exportschlager ab. Das Zweite führt zu einer emotionalen, ganz persönlichen Findung der eigenen Identität der Winzerpersönlichkeiten!

So schmecken wir Weingenießer den Charakter eines Winzers aus seinen Weinen, wenn dieser dies dankenswerter Weise zulässt.

Ihnen, liebe Leser, wünsche ich aus Überzeugung wunderbare Kosterlebnisse und Erkenntnisse. Ob Sie auch den Generationswechsel eines Weinguts schmecke? So manches Mal ist er einschneidend und demonstrativ. Ein anderes Mal tritt die junge Kraft sanft in den Vordergrund.

Freue mich über vergleichbare Empfehlungen Ihrerseits aus der spannenden Weinwelt!

 

In meinem nächsten Artikel werde ich von der Forschung in der Weinwelt berichten, von globaler Zusammenarbeit und einigen spannenden Erkenntnissen.

 

 

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  1 comment for “Identität – In 100 Jahren zur Perfektion?

  1. 10. März 2015 at 3:57 pm

    Wunderschön formuliert, liebe Anna !!!

    Die Worte fließen Dir regelrecht von der Zunge, man merkt dass Dich das Thema begeistert & bewegt. Ein Anstoß, den ich aufgreife, ist es, die „Zeichen der Zeit“ erneut lesen zu lernen: Was in der Natur schon geschrieben steht. Was Generationen an Wissen und Beobachtungsgabe der Natur vermittelt. Und dass wir unsere Neugier und unseren Forscherdrang niemals ganz verlieren dürfen. 😉

    Alles Liebe,

    Deine Elena 🙂

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