Innovation – an den Grenzen der Weinforschung

Führende Forscher der weltweit angesehensten akademischen Wein-Institutionen teilen ihre Forschungsschwerpunkte und Entdeckungen auf Symposien und in Fachartikeln. 

Kratzt man bei einer Recherche ein bisschen an der Oberfläche, wird schnell klar, dass es sich beim Wein nicht viel anders verhält, als bei der gesamten Menschheitsforschung: Im Zuge von Entdeckungen wird immer wieder klar, wie viel es rund um das Wunder NATUR zu erforschen gibt. Man weiß, dass man nichts weiß!

Doch hilft die Forschung viele Zusammenhänge zu verstehen und bewegt den Wein-Erzeuger zum Handeln oder eben auch Nicht-Handeln.

Was wird geforscht?

Die biologische Vielfalt

Ein großes Thema der Forschung ist die Biodiversität oder auch biologische Vielfalt genannt. Unter dieser versteht die Convention on Biological Diversity, CBD  „die Variabilität unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter unter anderem Land-, Meeres- und sonstige aquatische Ökosysteme und die ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören“.

WG_KleeAlso, ab in den Weingarten!

Die Universität  für Bodenkultur in Wien zum Beispiel, hat sich in einem aktuellen Forschungsprojekt diesem Thema angenommen. Sie erforscht Biodiversitätsbasierte Ökosystemdienstleistungen in Weingärten und analysiert die Verbindungen zwischen Pflanzen, Bestäubern, Bodentieren und Bodenerosion quer durch Europa.

Warum dieses Thema so heiß ist? Auch wenn wir Menschen Gewohnheitstiere sind, streben wir mit großer Begeisterung auch gern einmal nach Perfektion. In diesem Fall nach dem perfekten Wein. Der Wissendurst lässt uns Veränderungen in der Natur erforschen, wobei meist wir die Verursacher für Veränderungen sind.

So bemerkte das Forschungsteam der Boku eine einschneidende Veränderung im Arbeitsansatz der Winzer. Früher war der Weinbau ein Teil der gemischten Landwirtschaft. Jeder Landwirt baute verschiedenste Obst- und Gemüsesorten an, meist in Verbindung mit Tierhaltung für den Eigenbedarf. Damals führte die hohe Vielfalt der Lebensräume zu einer gut funktionierenden Biodiversität. Vor ein paar Jahrzehnten intensivierte man das sogenannte Weingarten Management. Mehr und mehr trennte sich die landwirtschaftliche Produktion von der übrigen Naturlandschaft. Die Konkurrenz um Wasser und Nährstoffe zwischen Unkraut und Reben wurde plötzlich zum Problem. Die Toleranz der Winzer gegenüber Unkräutern im Weingarten sank rapide.

BieneHeute sucht man wieder nach Synergien zwischen Pflanzen und Insekten, mit dem Gedanken, diese in ihrem positiven Zusammenspiel zu unterstützen. Die wilde Biene ist eine der wichtigsten Bestäuber überhaupt. Obwohl sich die Rebe selbst bestäubt, ist der Einfluss der Biene möglich. Wie groß ist dieser? Sollten sich die Winzer für mehr Bienen im Weingarten einsetzen?

regenwurmWie steht es um die Wechselwirkung von Pflanzenvielfalt und Bodenleben im Weingarten? Was kann der Winzer zur Unterstützung eines gesunden Ökosystems beitragen? Oder überlässt man dies gänzlich dem grandiosen Regenwurm, der sich nicht nur um den Nährstoffzyklus kümmert, sondern auch die Erdstruktur aufrecht erhält. Der Wasserverlauf wird dadurch verbessert und die Bodenerosion gemindert. Dieses kleine Tierchen sollte eine Auszeichnung als bester Ingenieur der Welt erhalten!

Erderwärmung und Klimaextreme stehen weiterhin auf dem Wetter-Programm der nächsten Jahre. Um so wichtiger ist eine gesunde Bodenstruktur für die gesamte Landwirtschaft. Besser noch, wenn der Winzer die Natur zu Hilfe nehmen kann.

Forschungsprojekte wie diese, können und werden die künftige Richtung, das „Weingarten Management“ und die kommenden Weine beeinflussen. Wir sind gespannt!

BOKU – Universität für Bodenkunde, Wien

Biodiversity Exploratories . Deutschland

 

Die liebe Verwandtschaft

Eine weitere, bereits Jahrhunderte andauernde Forschung ist jene um die Verwandtschaft der Rebsorten. Die Wildrebe hat eine Geschichte, die über 60 Millionen Jahre zurück reicht. Sie gilt als Urform der heutigen Kulturrebe und ist sozusagen Mutter aller existierenden Rebsorten.

Das im Oktober 2012 erschienene Werk Wine Grapes: A Complete Guide to 1,368 Vine Varieties, including their Origins and Flavours, von Jancis Robinson, Julia Harding und José Vouillamoz, beinhaltet erstaunliche Entdeckungen: Viele Rebsorten werden weltweit von Synonymen begleitet. Oft war und ist bis heute nicht klar, ob eine 100% Übereinstimmung existiert, oder vielleicht gar keine nahe Verwandtschaft gegeben ist.

Ein Beispiel, frei übersetzt aus dem oben genannten großen Wälzer…

Blaufränkisch

Synonyme – Blauer Limberger (Deutschland), Borgonja (Kroatien), Burgund Mare (Rumänien), Franconia oder Franconia Mera (Italien), Frankonia (Kroatien, Serbien und Tschechische Republik), Frankovka Modre (Slowakei), Frankovna Crna (Slowenien), Gamé (Bulgarien), Kékfrankos (Ungarn), Limberger oder Lemberger (Deutschland), Moura Frankinja (Slowenien), Nagyburgundi (Ungarn), Sara Lisicina (Serbien)

Herkunft und Abstammung

Ab dem Mittelalter wurde der Name Fränkisch an mehrere hochwertige Sorten verliehen. Das Wort Fränkisch stammt aus Franken, einer historischen Region Deutschlands, die heute Teile von Nordbayern, Südthüringen und Heilbronn-Franken in Baden-Württemberg überspannt. Eine dieser hochwertigen Sorten könnte Blaufränkisch gewesen sein, dessen Name erst 1862 bei einer Rebsortenausstellung in Wien auftauchte und von der internationalen ampelographischen Kommission in Colman, Frankreich, 1875 offiziell verabschiedet wurde. Sie wurde später in Deutschland unter dem Synonym Lemberg (1877) und Limburger (Ende des 19. Jahrhunderts) erwähnt. In Ungarn wurde die Sorte erstmals 1890 unter dem Namen Kékfrankos erwähnt, der wörtlichen Übersetzung von Blaufränkisch.

DNA-Profiling hat vor Kurzem bestätigt, dass die ungarische Sorte Kékfrankos mit Blaufränkisch identisch ist und dass Blaufränkisch auch in Kroatien unter dem Namen Borgonja (Borgonja bedeutet Bourgogne) zu finden ist. Lange dachte man, Borgonja sei identisch mit Gamay Noir oder Pinot  Noir.

Blaufränkisch hat eine direkte Eltern-Beziehung zu Gouais Blanc, die ein Elternteil von Gammas Noir ist. Folglich liegt der Geburtsort von Blaufränkisch höchstwahrscheinlich in dem Gebiet, das heute als Dalmazien, Österreich und Ungarn abgegrenzt wird, obwohl die genaue Lage noch unbekannt ist.

 

FAZIT: Die Forschung wird noch sehr viele Geheimnisse der Rebsorten und des Weinmachens aufdecken. Viel neugieriger bin ich selbst jedoch auf die Umsetzung von Erkenntnissen. Wir leben in einer der spannendsten Zeiten, was Wein betrifft. Tradition gepaart mit Wissen spielt bei den Winzern eine ebenso große Rolle, wie das Neuentdecken und die Identitätsfindung. Hat es jemals so viele verschiedene, qualitativ hochwertige Weinstile gegeben? Umso wichtiger ist es, diese zu verkosten!

 

Quellen: Wikipedia, Boku Wien, Wine Grapes: A Complete Guide to 1,368 Vine Varieties

Be Sociable, Share!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers:

WordPress SEO fine-tune by Meta SEO Pack from Poradnik Webmastera